Kommentar zu Finanztest: Krankenhaus-Zusatzversicherungen

Auch wenn fast dreimal mehr Personen eine Zahnzusatzversicherung besitzen, sind es immerhin über 6 Millionen Bundesbürger*, welche die Regelleistungen der gesetzlichen Krankenkassen mit einer stationären Police aufwerten.

Grund genug für die Zeitschrift Finanztest, sich in der aktuellen Dezemberausgabe mit einem ausführlichen Test den Krankenhaus-Zusatzversicherungen zu widmen.

Ein Kommentar von Oliver Fink

Vorab: Sicher gibt es einige weitere diskussionswürdige Inhalte, auf die ich heute nicht eingehe. Aber vielleicht ja zu einem späteren Zeitpunkt…

Bewertung der tariflichen Leistungen

Die untersuchten Tarife mussten bestimmte Mindestanforderungen erfüllen, um überhaupt am Test teilzunehmen. Finanztest hat dabei folgende Mindestkriterien zugrunde gelegt:

  • Chefarzt (Anm.: Chefarztbehandlung versichert kein Anbieter, es handelt sich um privatärztliche Behandlung)
  • Mind. bis 3,5-fach GOÄ
  • 1- und/oder 2-Bettzimmer
  • Verzicht auf das ordentliche Kündigungsrecht i.d. ersten 3 Jahren
  • Keine Leistung (!) für niedergelassene Ärzte/Zahnärzte
  • Keine Beschränkung auf bestimmte Diagnosen/Unfall 
  • Alterungsrückstellungen

90% für Mindestanforderungen!?
Tarife, welche diese Minimalanforderungen erfüllen, bekamen dafür bereits 90 (!) von 100 Punkten.

Die mageren restlichen zu vergebenden 10 % entfielen auf folgende Kriterien:

  • 3,0 % für GOÄ über 3,5 fach
  • 0,5 % für Differenzkosten bei Wahl anderes KH als in Einweisung genannt
  • 3,5 % für Ambulante Operationen
  • 1,5 % für Ersatz-Krankenhaustagegeld (1-Bett-Tarife)
  • 1,0 % für Ersatz-Krankenhaustagegeld bei Wahl 2-Bett (1-Bett-Tarife)
  • 2,5 % für Ersatz-Krankenhaustagegeld (2-Bett-Tarife)
  • 0,5 % für Verzicht auf vorherige Genehmigung in gemischten Anstalten

Fraglich: Bewertungssystematik von Finanztest
Bewertungen beinhalten immer etwas Subjektives, daher lässt sich ja darüber auch so prima streiten. Aus diesem Grund erhebe ich auch nicht den Anspruch, das absolute Maß der Objektivität zu besitzen – aber man kann ja mal hinterfragen.

Die Begründung der %-Vergabe liefert Finanztest direkt mit und verweist auf die statistische Wahrscheinlichkeit der Inanspruchnahme. 

Zitat: „Die Gewichtung der Leistungen orientierte sich an der statistischen Wahrscheinlichkeit für den Umfang ihrer Inanspruchnahme (kalkulatorisches Gewicht).“

Ich entnehme dem: Tritt eine versicherte Bagatelle häufig genug auf, führt es zu einer guten Bewertung.

Wann benötigt ein Kunde wirklich Versicherungsschutz?
Da stellt sich mir ja direkt die Frage der Sinnhaftigkeit der o.g. Bewertungssystematik.

Nach der Finanztest-Logik empfehle ich nun allen Kunden brav eine Glasversicherung, da scheppert es doch auch in schöner Regelmäßigkeit. Zwar alles Kleinschäden, aber die Menge macht‘s - und Handyversicherungen sehe ich nun in einem ganz anderen Licht ;-)

Für mich wird danach der ursprüngliche Sinn einer Versicherung, nämlich unkalkulierbare Kosten abzufangen, ziemlich ignoriert. 

Sinn und Zweck einer Krankenhaus Zusatzversicherung? 
Bei komplexen Operationen mit einem höheren Risiko einer Komplikation ist die Wahl eines meist teureren Spezialisten in einer überdurchschnittlich qualifizierten Klinik alternativlos. Hier können schnell Mehrkosten im vier- oder fünfstelligen Bereich für gesetzlich (oder schlecht PKV-) Versicherte entstehen. 

Genau in diesen Fällen benötigen Betroffene zusätzlichen Versicherungsschutz. 

6 der Top 10 Tarife erstatten keine Spezialisten mit individueller Honorarvereinbarung

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, eine Rechnung über den Höchstsatz der GOÄ zu erhalten, statistisch im einstelligen Bereich liegt – es sind doch gerade diese seltenen Fälle, in denen ein absoluter Experte benötigt wird und dessen Rechnung von der Versicherung erstattet werden soll.

Ich selber habe im Kundenkreis einen Krebspatienten, der nur durch die Möglichkeit, seinerzeit eine Koryphäe aus dem Gebiet der Behandlung von Lymphdrüsenkrebs besuchen zu können, heute noch lebt. 

Wie jeder dem Testergebnis entnehmen kann, bieten gerade mal 4 der 10 am besten bewerteten Tarife (1-Bett und „Chefarzt“ mit Note „gut“ oder „sehr gut“) Versicherungsschutz für Top-Experten, sprich auch über die GOÄ hinaus.

Die Möglichkeit einer individuellen Honorarvereinbarung mit gerade einmal 3% zu bewerten, halte ich schlicht für einen Witz. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie es gewesen wäre, der Ehefrau des beschriebenen Krebspatienten mitteilen zu müssen, dass ausgerechnet in seinem Fall die Kosten zu einem Großteil selbst zu zahlen sind. Dies wäre in seiner damaligen finanziellen Situation undenkbar gewesen.

Diesem Punkt fast das gleiche Gewicht wie einem Ersatzkrankenhaustagegeld (einer zu vernachlässigenden Geldleistung, die ich erhalte, wenn ich die Versicherung nicht in Anspruch nehme !) beizumessen, halte ich für indiskutabel.

Kritikpunkt: ambulante Operationen

Laut Finanztest fließen ambulante Operationen mit 3,5 % in das Gesamtergebnis ein. Und dies, obwohl sie schon 2015 einen Anteil von 7 % aller Krankenhausbehandlungen** hatten.

Waren es 2005 noch 1,4 Millionen ambulante Operationen, hat die Zahl zehn Jahre später mit 2 Millionen um mehr als 40% zugenommen! Damit wird der Trend zum ambulanten Operieren mehr als deutlich und bestätigt, dass Vermittler als auch Kunden hier genauer hinschauen sollten, was in der Police mitversichert ist und was nicht. 

Dass ein Patient im Falle einer ambulanten OP ohne Weiteres auf den Besten Operateur verzichtet – wir können die Verbraucher ja mal fragen…


OP im Krankenhaus – Versicherung zahlt nicht?

Mal unter uns: Ob ambulant oder stationär - erwartet ein Kunde nicht von seiner (meist ja doch etwas kostspieligeren) Krankenhaus-Zusatzversicherung eine Leistung, wenn er im Krankenhaus operiert wird?

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Versicherte (und nicht zu vergessen sogar Vermittler) häufig überhaupt nicht in Frage stellen, dass Versicherer hier je nach Tarif unterscheiden. Daher tun wir gut daran, als Berater und Verkäufer solcher Policen auf solche Themen besonders zu achten und vorbeugend bei der Produktempfehlung stärker berücksichtigen, als es Finanztest tut.

45 % ohne Versicherungsschutz bei ambulanten Operationen
Von der 7 bestbewerteten Tarife („gut“ oder „sehr gut“) haben mit 4 Tarifen mehr als die Hälfte ambulante Operationen gar nicht versichert. Und mit 16 der 35 von Finanztest bewerteten Zusatztarife (1-Bett und „Chefarzt“) sehen immerhin 45 % ebenfalls keine Leistung vor.

Zwischenfazit:
Auch wenn relativ transparent ist, wie Finanztest bewertet, halte ich die Vorgehensweise und das Ergebnis - vorsichtig ausgedrückt - für sehr fragwürdig. Schließlich kaufen nicht wenige Menschen Produkte und Dienstleistungen blind nach Testergebnissen - besonders dann, wenn Stiftung Warentest auf dem Siegel steht.

Ich kann daher nur jedem Vermittler empfehlen, sich selber ein Bild der vermittelten Tarife zu verschaffen.
Dies vermeidet Ärger und führt nebenbei meist zu mehr Umsatz ;-)

Ihr Oliver Fink

*Quelle: Zahlenbericht des PKV-Verbandes - Stand 2016
**Quelle: Bund deutscher Chirurgen, Statistisches Bundesamt

 

 

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